{"id":1398,"date":"2018-04-23T17:37:40","date_gmt":"2018-04-23T15:37:40","guid":{"rendered":"https:\/\/0x0a.li\/?p=1398"},"modified":"2023-04-04T12:39:05","modified_gmt":"2023-04-04T10:39:05","slug":"datenpoesie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/0x0a.li\/de\/datenpoesie\/","title":{"rendered":"Datenpoesie"},"content":{"rendered":"<p><em>[Der folgende Text erschien am 27.2.2018 in der NZZ unter dem Titel\u00a0\u00bb<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/unermuedlich-dichtet-das-maschinchen-ld.1351544\">Unerm\u00fcdlich dichtet das Maschinchen<\/a>\u00ab.]<\/em><\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Digitale Literatur \u2013 was war das noch? Damals, tief in den neunziger Jahren, schw\u00e4rmten Literaturwissenschaftler von der Hyperfiktion, von Texten ohne Zentrum, durch die sich der Leser selbst seine Pfade schlagen und per Link beliebig von Abschnitt zu Abschnitt gelangen konnte. Was aber einigen als Zukunft der Literatur erschien \u2013 in der sich vor allem liebgewonnene Konzepte der Postmoderne wiederfinden lie\u00dfen \u2013, war bald zu einem Genre ohne Leser und, schlimmer noch, ohne Produzenten geworden. Es gibt sie nicht mehr.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Und heute? M\u00fcsste in Zeiten der Digitalisierung die digitale Literatur nicht eigentlich das zentrale Genre der Gegenwart sein? In der Tat gibt es heute eine quicklebendige, aber nur wenig beachtete Szene. Anders als damals geht es nicht mehr darum, mehr oder minder konventionelle Texte durch Linkverzweigungen ihrer Linearit\u00e4t zu berauben. Heute wird der Computer selbst zum Textproduzenten. Das Ergebnis ist eine ganz andere Literatur, die von den Bedingungen des Digitalen erz\u00e4hlt, wie es ein klassischer Realismus nie k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Digitale Literatur ist heute vor allem generative, das heisst von Algorithmen produzierte Literatur, ohne dadurch, wie die Unkenrufe oft verheissen, unmenschlich zu werden. F\u00fcr sie ist das bestehende Textmaterial im Internet das gro\u00dfe Reservoir an Welt, das wieder und weiter verwendet werden kann. Gerade Twitter ist seit einigen Jahren ein beliebtes Spielfeld f\u00fcr sogenannte Bots, wie die kleinen Textgeneratoren heissen. Haben sie wegen automatisierter Fake-News einen schlechten Leumund, k\u00f6nnen Bots doch auch selbstgesteuert Literarisches absetzen.<\/p>\n<div class=\"teaser teaser--content teaser--einklinker teaser--embed regwalled\" data-source-element=\"einklinker\" data-doc-id=\"ld.1292514\"><\/div>\n<h3 id=\"subtitle-parodie-und-subversion\" class=\"subtitle regwalled\"><span class=\"subtitle__main\">Parodie und Subversion<\/span><\/h3>\n<p class=\"text regwalled\">Fast schon klassisch ist etwa Ranjit Bhatnagars @pentametron, ein Twitter-Bot, der alle gerade in der Welt gesendeten Tweets daraufhin \u00fcberpr\u00fcft, ob sie zuf\u00e4llig einen jambischen Pentameter bilden. Findet er zwei, die sich reimen, gibt er sie als Zweizeiler wieder \u2013 \u00abMy cousin is a walking megaphone \/ The intersection modifies the cone\u00bb \u2013 und poetisiert so das Alltagsgebrabbel sozialer Netzwerke. Der von Jia Zhang programmierte Bot @censusAmericans dagegen humanisiert die Datenmasse der letzten US-Volksz\u00e4hlung, indem er daraus in ihrer Lakonie niederschmetternde Kurzbiografien extrahiert: \u00abI had a baby last year. I don&#8217;t have health insurance. I have a high school diploma. I have never been married.\u00bb<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Dabei muss digitale Literatur gar nicht an Bildschirme gebunden sein. Der deutsche Medienk\u00fcnstler Gregor Weichbrodt geh\u00f6rt zu einer wachsenden Gruppe von Autoren, die Algorithmisches auf Papier publizieren. F\u00fcr sein im Frohmann-Verlag erschienenes Buch \u00abI Don&#8217;t Know\u00bb hat er ein Programm geschrieben, das zuf\u00e4llig Artikeltitel aus Wikipedia ausw\u00e4hlt und dann \u00fcber dreihundert Seiten hinweg leugnet, etwas \u00fcber die genannten Themen zu wissen. Das reicht von vern\u00fcnftigen S\u00e4tzen wie \u00abIch bin nicht vertraut mit Vincaalkaloiden\u00bb bis hin zu Absurdit\u00e4ten wie \u00abIch weiss nicht, was die Leute mit \u2039ein Geb\u00e4ude\u203a meinen\u00bb. Das Buch ist eine Grenzvorstellung f\u00fcr die Wissens\u00f6konomie der Gegenwart, in der pers\u00f6nliche Belesenheit mehr und mehr durch den Zugriff auf Datenbanken abgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">All diese Beispiele zeigen, wie digitale Literatur klassische Vorstellungen von Autor und Leser unterl\u00e4uft: Nicht nur ist der Autor kein Originalgenie mehr und wird Kurator des schon Existierenden; auch der Sch\u00f6pfungsprozess verschiebt sich auf eine sekund\u00e4re Ebene: Es wird geschrieben, um dann schreiben zu lassen, denn es ist der vom Autor konstruierte Code, nicht mehr der Autor unmittelbar selbst, der den Text hervorbringt. All das erfordert schliesslich auch ein anderes Lesen, das den Text statt als Tr\u00e4ger von Bedeutung eher als Illustration eines Konzepts betrachtet. Diese Werke liest man nicht konzentriert Satz f\u00fcr Satz durch, man liest sie eher bald hier und bald da an, um aus dem Output R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Machart des unsichtbaren ersten Textes, des Programmcodes, zu ziehen.<\/p>\n<div class=\"teaser teaser--content teaser--einklinker teaser--embed regwalled\" data-source-element=\"einklinker\" data-doc-id=\"ld.1311949\"><\/div>\n<p class=\"text regwalled\">Damit bildet digitale Literatur ab, wie wir mit Text im Digitalen heute ohnehin umgehen: Kopieren und Einf\u00fcgen ist zur allen verf\u00fcgbaren Standardoperation geworden, gleichzeitig ist das \u00dcberfliegen einer Website die Lekt\u00fcrenorm, die etwas ganz anderes ist als das klassisch-hermeneutische Lesen. Die Idee, die hinter dem Algorithmus steht, ist hierbei oft wichtiger als der vom Rechner produzierte Text. Das r\u00fcckt die digitale Literatur nah an die Sensibilit\u00e4t des sogenannten konzeptuellen Schreibens heran, deren Autoren, etwa Kenneth Goldsmith oder Vanessa Place, sich noch analoger Mittel bedienen. Weichbrodts 350-Seiten-Werk soll eher bedacht als gelesen werden.<\/p>\n<h3 id=\"subtitle-potenzierte-phantasie\" class=\"subtitle regwalled\"><span class=\"subtitle__main\">Potenzierte Phantasie<\/span><\/h3>\n<p class=\"text regwalled\">\u00dcberhaupt darf man nicht meinen, diese Literatur sei nur etwas f\u00fcr Nerds oder sie l\u00e4ute das Ende einer hehren Literaturtradition ein. Im Gegenteil, ihre Vertreter sehen sich oft in direkter Nachfolge der klassischen Avantgarden, die sich stets, von Dada bis Oulipo, f\u00fcr Zufallsoperationen und kombinatorische Spiele begeisterten und oft alle Arten von \u00abRealismus\u00bb verwarfen. Die Medientheoretikerin Jessica Pressman spricht daher auch von einem \u00abdigital modernism\u00bb, einer nachgeholten Moderne, der erst heute die ad\u00e4quaten, n\u00e4mlich digitalen Mittel zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<div class=\"teaser teaser--content teaser--einklinker teaser--embed regwalled\" data-source-element=\"einklinker\" data-doc-id=\"1.18454428\"><\/div>\n<p class=\"text regwalled\">So bezieht sich etwa der\u00a0<a href=\"https:\/\/nickm.com\/\">MIT-Professor Nick Montfort<\/a>\u00a0f\u00fcr seinen Roman \u00abMegawatt\u00bb auf die nach strengen Regeln geschriebenen Stellen aus Samuel Becketts \u00abWatt\u00bb, wo etwa eine Genealogie bis in die dritte Generation permutiert wird: \u00abder Vater meines Vaters und der Vater meiner Mutter und die Mutter meines Vaters\u00a0.\u00a0.\u00a0.\u00bb Beckett f\u00fchrt, noch ganz analog, einen Algorithmus aus, den nun Montfort in einer Programmiersprache nachbaut. Aber statt ihn nur zu rekonstruieren \u2013 was in sich bereits eine Leistung w\u00e4re, eines Pierre Menard von Borges w\u00fcrdig \u2013, geht er mit Beckett \u00fcber Beckett hinaus.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Montfort erweitert die Generationentiefe auf sechs und l\u00e4sst so die Seitenzahl dieser Stelle von einer auf siebenundzwanzig anwachsen: \u00abWatt\u00bb wird nach oben skaliert: \u00abMegawatt\u00bb. Neben der Einsicht in Becketts Arbeitsweise zeigt Montfort in seiner algorithmischen Einf\u00fchlung nebenbei auch, wie viel digitale Literatur schon avant la lettre in der Literaturgeschichte steckt. Dieses Traditionsbewusstsein gepaart mit der technischen F\u00e4higkeit, das Digitale in seiner Logik darzustellen, macht solche Textexperimente zu ernstzunehmenden Formen einer Avantgardeliteratur der Gegenwart.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Hans Magnus Enzensberger,\u00a0der in den siebziger Jahren noch selbst einen programmierbaren Poesieautomaten erdachte, stellte vor wenigen Jahren \u00abRegeln f\u00fcr die digitale Welt\u00bb auf, die eine v\u00f6llige digitale Enthaltsamkeit predigen und E-Mails lieber durch Postkarten ersetzt s\u00e4hen. Die digitale Literatur der Gegenwart stellt sich gegen solche Versuche, unserer Wirklichkeit nur auszuweichen. Statt die Furcht vor den Algorithmen zu predigen, macht sie deren Machart transparent.<\/p>\n<p class=\"text regwalled\">Der \u00f6sterreichische Codepoet J\u00f6rg Piringer sieht darin eine geradezu emanzipatorische Aufgabe: \u00abdie poetinnen der kommenden jahre werden nicht zusehen und konzernen die hoheit \u00fcber die sprachalgorithmen \u00fcberlassen.\u00bb Stattdessen, so Piringer, werden sie \u00abdatenpoesie erstellen\u00bb, das heisst: eine \u00abpoesie aus den letzten geheimnissen der beobachtbaren welt\u00bb.<\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Der folgende Text erschien am 27.2.2018 in der NZZ unter dem Titel\u00a0\u00bbUnerm\u00fcdlich dichtet das Maschinchen\u00ab.] Digitale Literatur \u2013 was war das noch? 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