{"id":597,"date":"2015-01-01T09:07:44","date_gmt":"2015-01-01T07:07:44","guid":{"rendered":"https:\/\/0x0a.li\/?p=597"},"modified":"2023-04-04T12:39:34","modified_gmt":"2023-04-04T10:39:34","slug":"algorithmische-einfuehlung-nick-montforts-megawatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/0x0a.li\/de\/algorithmische-einfuehlung-nick-montforts-megawatt\/","title":{"rendered":"Algorithmische Einf\u00fchlung: \u00dcber Nick Montforts \u00bbMegawatt\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p>In K\u00fcrze wird im <a href=\"http:\/\/www.verlag.cfrohmann.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frohmann-Verlag<\/a> mein\u00a0Roman <a title=\"Durchschnitt\" href=\"https:\/\/0x0a.li\/text\/durchschnitt\/\">Durchschnitt<\/a> erscheinen, mein konzeptueller Kommentar zur Kanonfrage (sp\u00e4ter dazu mehr). Weil bei 0x0a bisher konzeptuelle digitale Literatur oft als gattungslos oder tendenziell lyrisch beschrieben wurde \u2013 zumal in bewusster Abgrenzung zu jenem Realismus, der immer noch vor allem im Roman regiert \u2013 ist es jetzt vielleicht Zeit zu untersuchen, dass sie auch etwas zur Erweiterung der\u00a0Gattung des Romans selbst beitragen kann.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><br \/>\nSeit 1999 gibt es den <em>National Novel Writing Month<\/em>, abgek\u00fcrzt NaNoWriMo, der j\u00e4hrlich im November (oder auch <a href=\"http:\/\/www.de.movember.com\/en\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Movember<\/a>) stattfindet und gewisserma\u00dfen als kollektive Selbstdisziplinierungsma\u00dfnahme Hobbyautoren helfen soll, \u00bbto dust off their literary ambitions and finally write that novel they&#8217;ve always dreamed of.\u00ab Bedingung: Innerhalb eines Monats einen Roman von 50.000 W\u00f6rtern oder mehr zu produzieren, unabh\u00e4ngig von Koh\u00e4renz, Relevanz und allgemeiner Qualit\u00e4t. Auf <a href=\"http:\/\/www.nanowrimo.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NaNoWriMo.org<\/a> gibt es dann die M\u00f6glichkeit, als Ansporn f\u00e4hnleinfieselschweifartige \u00bbbadges\u00ab f\u00fcr schon erreichte Wortmeilensteine zu erhalten.<\/p>\n<p>Interessant dabei ist, dass der Romanschreibemonat als Prokrastinationstherapeutikum f\u00fcr notorische Aufschieber zweierlei Zwang verwendet, n\u00e4mlich die zeitliche Begrenzung und die L\u00e4ngenvorgabe. Damit w\u00e4re man schon fast bei der Art von Selbsteinschr\u00e4nkung, die f\u00fcr konzeptuelle Literatur typisch ist. Allerdings ber\u00fchren diese Limitierungen nicht notwendig das Formale der Romane selbst, die dann im Ergebnis auch oft entweder bestimmte Fanfiction-Genres bedienen oder \u2013 mit mehr selbstgewisser Seriosit\u00e4t \u2013 eben jenen Realismus ausstellen, mit dem man den \u00bbgro\u00dfen Roman\u00ab heute verbindet, der aber in Wirklichkeit nichts als jene inhaltszentrierten Ernsthaftigkeitsgesten simuliert, die im literarischen Feld als Bedingung f\u00fcr \u00bbhohe\u00ab Belletristik gelten. In den USA schlie\u00dft das\u00a0durchaus auch die Trainingsartigkeit der Creative-Writing-Programme ein, die solche \u00bbchallenges\u00ab eher als Eskaladierw\u00e4nde begreifen, sich \u00fcber alle Einschr\u00e4nkungen hinweg zum Realismus durchzuk\u00e4mpfen. (<em>No Plot? No Problem!<\/em> hei\u00dft das Literaturselbsthilfebuch des NaNoWriMo-Gr\u00fcnders Chris Baty \u2013 was gerade nicht bedeuten soll, gl\u00fccklich plotlos zu bleiben, sondern darauf zu hoffen, die Story werde sich schon von selbst ergeben, wenn man sich nur hinsetzt und macht.)<\/p>\n<p>Konzeptuell ist diese Literaturform also nur im Potentialis. Man k\u00f6nnte nun schlicht die formalen Einschr\u00e4nkungen erschweren und w\u00fcrde dann am Ende Massenkonzeptromane erhalten, als noch zu gr\u00fcndender NaCoNoWriMo. Oder man schr\u00e4nkt die Produktionsmittel selbst ein, wie das der <em>code artist<\/em> <a href=\"http:\/\/tinysubversions.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Darius Kazemi<\/a> getan hat. Seine Variante hei\u00dft NaNoGenMo \u2013 <a href=\"https:\/\/github.com\/dariusk\/NaNoGenMo-2014\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">National Novel <em>Generation<\/em> Month<\/a>. Statt selbst kreativ zu schreiben, geht es hier um das codegesteuerte kreative <a title=\"Schreibenlassen. Gegenwartsliteratur  und die Furcht vorm Digitalen\" href=\"https:\/\/0x0a.li\/schreibenlassen-gegenwartsliteratur-und-die-furcht-vorm-digitalen\/\"><em>Schreibenlassen<\/em><\/a>. Dieses Jahr bereits zum zweiten Mal verpflichteten sich hunderte von codeerfahrenen Schreibern, Scripts und Programme zu entwerfen, die eben\u00a0jenen 50.000-Worter generieren, statt ihn selbst zu schreiben. (\u00bbRoman\u00ab ist in diesem Fall pragmatisch gefasst, das hei\u00dft paratextuell: Wo Roman draufsteht, ist auch Roman drin.)\u00a0Dabei sind ganz hochinteressante und sehr unterschiedliche Ergebnisse herausgekommen.\u00a0In loser Folge m\u00f6chte ich davon einige\u00a0vorstellen und dabei vielleicht etwas \u00fcber digitale Literatur herausfinden, wie sie funktioniert\u00a0\u2013 und vor allem, was sie f\u00fcr den Roman leisten kann.<\/p>\n<p>Den Anfang macht eine\u00a0bestechende Arbeit von Nick Montfort (<a title=\"Code Poetry at ITP\" href=\"https:\/\/0x0a.li\/code-poetry-at-itp\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">neulich<\/a> schon als praktischer\u00a0Code-Historiker unter anderem Brion Gysins gew\u00fcrdigt), der den Roman\u00a0<em><a href=\"http:\/\/nickm.com\/post\/2014\/11\/megawatt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Megawatt<\/a><\/em>\u00a0generieren lie\u00df.<em>\u00a0<\/em>Rekonstruktion und Steigerung\u00a0von Samuel Becketts hochartifiziellem Roman <em>Watt<\/em>\u00a0in\u00a0einem, w\u00e4hlte\u00a0Montfort sich\u00a0aus der Vorlage\u00a0Passagen mit systematischen Manierismen aus und lie\u00df sie durch ein <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Python_(Programmiersprache)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Python<\/a>-Script simulieren. Aber statt nur automatisch zu generieren, was Beckett manuell geschrieben hatte (was selbst schon \u2013 <em><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Pierre_Menard,_Author_of_the_Quixote\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pierre Menard style<\/a><\/em> \u2013 bemerkenswert w\u00e4re), ging er mit Beckett \u00fcber Beckett hinaus und <em>erweiterte<\/em> diese Passagen nach den <em>immanent <\/em>gewonnen Regeln des Originaltextes.\u00a0So gibt es etwa zu Beginn\u00a0von Becketts Buch eine Passage, in der Watt einem Gespr\u00e4chspartner nicht folgen kann, weil er selbst Stimmen h\u00f6rt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #808080;\">Now these voices, sometimes they sang only, and sometimes they cried only, and sometimes they stated only, and sometimes they murmured only, and sometimes they sang and cried, and sometimes they sang and stated, and sometimes they sang and murmured, and sometimes they cried and stated, and sometimes they cried and murmured, and sometimes they stated and murmured, and sometimes they sang and cried and stated, and sometimes they sang and cried and murmured, and sometimes they cried and stated and murmured, and sometimes they sang and cried and stated and murmured, all together, at the same time, as now, to mention only these four kinds of voices, for there were others. And sometimes Watt understood all, and sometimes he understood much, and sometimes he understood little, and sometimes he understood nothing, as now.<\/span><\/p>\n<p>Nach kurzem Lesen erkennt\u00a0man, dass Beckett hier\u00a0die simpelste aller Textgenerierungregeln bem\u00fcht:\u00a0die\u00a0Permutation kombinatorischer M\u00f6glichkeiten aus einem endlichen Satz von\u00a0Elementen (so wie Gysin das in seinen <a href=\"http:\/\/nickm.com\/memslam\/permutation_poems.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>permutation poems<\/em><\/a>\u00a0getan hatte). Die Stimmen besitzen\u00a0vier\u00a0m\u00f6gliche Zust\u00e4nde, \u00bbsang\u00ab, \u00bbcried\u00ab, \u00bbstated\u00ab, \u00bbmurmured\u00ab, die sie einzeln oder in verschiedenen Verbindungen\u00a0einnehmen\u00a0k\u00f6nnen und deren Kombinationen Beckett durchspielt. Zus\u00e4tzlich versteht Watt \u00bball\u00ab, \u00bbmuch\u00ab, \u00bblittle\u00ab und \u00bbnothing\u00ab.<\/p>\n<p>Der Absatz \u00e4hnelt also zwei <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Funktion_%28Programmierung%29\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Funktionen<\/a> \u2013 einer\u00a0f\u00fcr die Stimmen und einer\u00a0f\u00fcr das Verstehen \u2013 die v\u00f6llig automatisiert mit demselben Ergebnis\u00a0auch durch ein Skript erzeugt werden k\u00f6nnten. Genau\u00a0das tut Montfort im ersten Kapitel von <em>Megawatt<\/em>,\u00a0\u00bbThe Voices\u00ab.\u00a0Aber weil Beckett zugesteht, dass es noch mehr Stimmen gebe (\u00bbfor there were others\u00ab), und weil Montfort\u00a0wei\u00df, dass sich bei einer Permutationsreihe die Anzahl der\u00a0M\u00f6glichkeiten pro Element exponentiell vermehrt, f\u00fcgt er zu Becketts vier weitere Verben hinzu: \u00bbbabbled\u00ab, \u00bbchatted\u00ab, \u00bbranted\u00ab, \u00bbwhispered\u00ab. Ebenso\u00a0kann Watt nun zus\u00e4tzlich \u00bbmost\u00ab, \u00bbhalf\u00ab, \u00bbless\u00ab, und \u00bbbits\u00ab verstehen. Montforts Version ist dann auch mit\u00a0sieben Seiten etwa zwanzig Mal l\u00e4nger als der Originalabsatz. Hier die erste Seite, f\u00fcr die ich die\u00a0enthaltenden urspr\u00fcnglichen S\u00e4tze\u00a0schwarz hervorgehoben habe \u2013 man sieht, wie sich die Abst\u00e4nde zwischen\u00a0ihnen\u00a0vergr\u00f6\u00dfern, weil sich bei mehr Elementen l\u00e4ngere Kombinationsreihen ergeben:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #808080;\">Watt heard voices. <span style=\"color: #333333;\">Now these voices, sometimes they sang only, and sometimes they cried only, and sometimes they stated only, and sometimes they murmured only<\/span>, and sometimes they babbled only, and sometimes they chattered only, and sometimes they ranted only, and sometimes they whispered only, <span style=\"color: #333333;\">and sometimes they sang and cried, and sometimes they sang and stated, and sometimes they sang and murmured,<\/span> and sometimes they sang and babbled, and sometimes they sang and chattered, and sometimes they sang and ranted, and sometimes they sang and whispered, <span style=\"color: #333333;\">and sometimes they cried and stated, and sometimes they cried and murmured<\/span>, and sometimes they cried and babbled, and sometimes they cried and chattered, and sometimes they cried and ranted, and sometimes they cried and whispered, <span style=\"color: #333333;\">and sometimes they stated and murmured<\/span>, and sometimes they stated and babbled, and sometimes they stated and chattered, and sometimes they stated and ranted, and sometimes they stated and whispered, and sometimes they murmured and babbled, and sometimes they murmured and chattered, and sometimes they murmured and ranted, and sometimes they murmured and whispered, and sometimes they babbled and chattered, and sometimes they babbled and ranted, and sometimes they babbled and whispered, and sometimes they chattered and ranted, and sometimes they chattered and whispered, and sometimes they ranted and whispered, <span style=\"color: #333333;\">and sometimes they sang and cried and stated, and sometimes they sang and cried and murmured<\/span>, and sometimes they sang and cried and babbled, and sometimes they sang and cried and chattered, and sometimes they sang and cried and ranted, and sometimes they sang and cried and whispered, and sometimes they sang and stated and murmured, and sometimes they sang and stated and babbled, and sometimes they sang and stated and chattered, and sometimes they sang and stated and ranted, and sometimes they sang and stated and whispered, and sometimes they sang and murmured and babbled, and sometimes they sang and murmured and chattered, and sometimes they sang and murmured and ranted, and sometimes they sang and murmured and whispered, and sometimes they sang and babbled and chattered, and sometimes they sang and babbled and ranted, and sometimes they sang and babbled and whispered, and sometimes they sang and 1chattered and ranted, and sometimes they sang and chattered and whispered, and sometimes they sang and ranted and whispered, <span style=\"color: #333333;\">and sometimes they cried and stated and murmured<\/span>, and sometimes they cried and stated and babbled, and sometimes they cried and stated and chattered, and sometimes they cried and stated and ranted, and sometimes they cried and stated and whispered, and sometimes they cried and murmured and babbled, and sometimes they cried and murmured and chattered, and sometimes they cried and murmured and ranted, and sometimes they cried and murmured and whispered, and sometimes they cried and babbled and chattered, and sometimes they cried and babbled and ranted, and sometimes they cried and babbled and whispered, and sometimes they cried and chattered and ranted, and sometimes they cried and chattered and whispered,\u2026<\/span><\/p>\n<p>Montforts eigener kreativer Beitrag besteht aus den ersten drei W\u00f6rtern, dem lediglich expositionellen ersten Satz. Der Rest \u2013 Becketts Text wie die\u00a0Erweiterungen \u2013\u00a0wurde rein durch Code generiert. Dieser gibt\u00a0also zun\u00e4chst aus, was Becket schrieb (der schwarze Text)\u00a0\u2013\u00a0dann aber zus\u00e4tzlich nicht nur, was er schreiben <em>k\u00f6nnte<\/em>, sondern auch, was er seinen eigenen Regeln zufolge schreiben <em>m\u00fcsste<\/em> (der graue Text). <em>Megawatt<\/em>\u00a0ist damit eine Form der <em>algorithmischen Einf\u00fchlung<\/em>, die keine Kopie, sondern ein rekonstruktiver Nachvollzug ist, von dem man mit mehr Berechtigung sagen kann, dass sie<em>\u00a0im Geiste Becketts<\/em>\u00a0geschehe, als jedes Epigonenerzeugnis, jede Pastiche oder Parodie es k\u00f6nnte.\u00a0Aber w\u00e4hrend\u00a0<em>Megawatt<\/em>\u00a0f\u00fcr\u00a0<em>Watt<\/em>\u00a0durchaus dem nahekommt, was Borges\u2019\/Menards <em>Don Quixote<\/em>\u00a0f\u00fcr Cervantes\u2019\u00a0<em>Don Quixote\u00a0<\/em>ist, ist es\u00a0andererseits, weil es nicht nur rekonstruktiv, sondern\u00a0<em>produktiv nachvollzieht<\/em>, auch das, was <em>Ulysses<\/em> f\u00fcr die Odyssee ist \u2013 ein Mehr, das \u00fcber die Vorlage hinausgeht.<\/p>\n<p>Montfort gibt\u00a0damit einerseits der These <a href=\"http:\/\/ukcatalogue.oup.com\/product\/9780199937103.do\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jessica Pressmans<\/a> Recht, dass digitale Literatur zu den\u00a0Konstruktionsmechanismen der\u00a0historischen Avantgarden zur\u00fcckkehrt, sie aber \u2013 als <em>digital modernism \u2013\u00a0<\/em>mit angemesseneren Mitteln und konsequenter\u00a0umsetzt; andererseits zeigt er aber auch, wie selbst im strengen Regelnachvollzug bereits ein produktives Moment liegt, dass\u00a0wom\u00f6glich gerade\u00a0aus der irritationsfreien Engstirnigkeit von Algorithmen folgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u2014<\/p>\n<p>F\u00fcr die Literaturwissenschaft m\u00fcsste\u00a0<em>Megawatt<\/em>\u00a0damit eigentlich zu\u00a0jenen\u00a0paradigmatischen textontologischen\u00a0Grenz- und Beispielf\u00e4llen\u00a0werden, die\u00a0germanistische Einf\u00fchrungsseminare f\u00fcllen \u2013 nur, dass er eben nicht, sagen wir, das <a href=\"http:\/\/homepage.univie.ac.at\/Gertraude.Zand\/Dokumente\/Handke.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fiktionalit\u00e4tskriterium f\u00fcr Literarizit\u00e4t<\/a> zerreibt, sondern den Unterschied\u00a0zwischen analoger und digitaler Literatur auf den Punkt bringt.\u00a0Denn dieser Unterschied macht sich an einem <em>doppelten Textbegriff<\/em> fest: Ist\u00a0<em>Watt<\/em>\u00a0ganz w\u00f6rtlich nur ein Text, besteht\u00a0<em>Megawatt\u00a0<\/em>aus zweien:\u00a0dem Code und dem Output. Bisher habe ich nur \u00fcber den Output gesprochen. Aber am Ende\u00a0seines\u00a0Buches hat Montfort den Code abgedruckt, bei dem das Buch seinen Ausgang nimmt \u2013 und\u00a0der von jedem wieder durch einen Python-Interpreter gejagt und f\u00fcr den damit die\u00a0Performanz des doppelten Textes nachvollzogen werden kann. Im Digitalen, davon geht 0x0a ja aus, ist der Text Tat <em>und<\/em>\u00a0Gedanke.<\/p>\n<p>Im Anhang von <em>Megawatt\u00a0<\/em>findet sich dann auf nur 27 Zeilen der Code f\u00fcr die sieben Seiten von\u00a0\u00bbThe Voices\u00ab. Nachdem die den Text letztlich\u00a0zusammensetzende Funktion <em>combine<\/em> definiert wurde (Zeile 3-12), zeigt Montfort erst, wie man Becketts eigenen Text als Satz von Elementen eines Python-Arrays verstehen kann (Zeile 14-15, zu \u00fcberspringende\u00a0Zeilen\u00a0sind mit # auskommentiert), um dann seinen erweiterten Satz von Elementen vorzustellen (Zeile 16-18). Der Rest des Scripts setzt dann diese Elemente\u00a0zusammen (Zeile 21-27) und versieht sie mit den Bindegliedern, die auch Beckett verwendet hat (etwa \u00bband sometimes they\u00ab, Zeile 20):<\/p>\n<pre> \t1\u00a0 #### THE VOICES\r\n\t2  text.append('\\n# I\\n\\n')\r\n\t3  def combine(num, words):\r\n\t4     final = []\r\n\t5     if num > 0 and len(words) >= num:\r\n\t6         if num == 1:\r\n\t7             final = final + [[words[0]]]\r\n\t8         else:\r\n\t9             final = final + [[words[0]] + \r\n\t10            c for c in combine(num \u2013 1, words[1:])]\r\n\t11        final = final + combine(num, words[1:])\r\n\t12    return final\r\n\t13  \r\n\t14 ## In Watt the voices = ['sang', 'cried', 'stated', 'murmured']\r\n\t15 ## And Watt understood = ['all', 'much', 'little', 'nothing']\r\n\t16 ## Here the voices did eight things and there are eight levels:\r\n\t17 voices = ['sang', 'cried', 'stated', 'murmured', 'babbled', 'chattered', 'ranted', 'whispered']\r\n\t18 understood = ['all', 'most', 'much', 'half', 'little', 'less', 'bits', 'nothing']\r\n\t19 para = ''\r\n\t20 preface = ', and sometimes they '\r\n\t21 for num in range(len(voices)):\r\n\t22    for word_list in combine(num + 1, voices):\r\n\t23        para = para + preface + ' and '.join(word_list)\r\n\t24        if len(word_list) == 1:\r\n\t25            para = para + ' only'\r\n\t26 para = ('Watt heard voices. Now these voices,' + para[5:] +\r\n\t   ', all together, at the same time, as now, to mention ' + \r\n\t   'only these ' + spelled_out[len(voices)] + ' kinds of voices, for ' + \r\n\t   'there were others. And sometimes Watt understood ' + \r\n\t   ', and sometimes he understood '.join(understood) + ', as now.')\r\n\t27 text.append(para)\u00a0\r\n<\/pre>\n<p>Mit diesem tieferen Text, dem Code hinter dem Output,\u00a0l\u00e4sst sich die inh\u00e4rente N\u00e4he von\u00a0<em>code poetry<\/em> und Konzeptualismus\u00a0illustrieren \u2013 das Verh\u00e4ltnis von Idee und Ausf\u00fchrung ist dem\u00a0von Code und Output analog.\u00a0Es ist aber nur eine\u00a0Analogie, keine Identit\u00e4t,\u00a0weil\u00a0der Output (solange es keine Zufallsvariablen gibt) endlich determiniert ist, w\u00e4hrend es im Konzeptualismus durchaus noch das erratische (nicht zu sagen: expressive) Moment des Ausf\u00fchraktes gibt, das bei gleichem Konzept eine Differenz von Ergebnissen hervorbringt (denn\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YvOpvam8CSM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>perfunctory<\/em><\/a>\u00a0ist es\u00a0gerade nicht).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u2014<\/p>\n<p>Freilich ist das nur das erste Kapitel des Buches, dessen neun eine wirklich ausf\u00fchrliche Untersuchung verdienten. Bis auf das letzte sind es alle Formen von Permutation,\u00a0die aber\u00a0ganz verschieden und sehr effektiv eingesetzt werden \u2013 begonnen bei einer\u00a0geradezu <em>mega<\/em>biblischen Genealogie im vierten Kapitel (\u00bbmy father\u2019s mother\u2019s mother\u2019s mother\u2019s and\u00a0my mother\u2019s father\u2019s father\u2019s father\u2019s and my mother\u2019s father\u2019s\u00a0father\u2019s mother\u2019s [earth]\u00ab) bis hin zum achten, dem totalen Megakapitel, das\u00a0von Seite 25 bis Seite 239 die unsteten Eigenschaften Mr. Knotts\u00a0auflistet und damit zu den l\u00e4ngsten\u00a0je geschriebenen\u00a0Figurenbeschreibungen z\u00e4hlen muss \u2013\u00a0\u00bbto\u00a0mention only the figure, stature, skin, hair, eyes, body type, facial\u00a0hair, and posture.\u00ab<\/p>\n<\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In K\u00fcrze wird im Frohmann-Verlag mein\u00a0Roman Durchschnitt erscheinen, mein konzeptueller Kommentar zur Kanonfrage (sp\u00e4ter dazu mehr). 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